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Glück ist ansteckend
Das Geheimnis des Glücks
liegt nicht im Besitz, sondern im Geben.
Wer andere glücklich macht,
wird glücklich.
André Gide
Manchmal sind es gerade die kleinen, unscheinbaren Dinge, die unser Leben vollständig umdrehen können.
Vor vielen Jahren hatte ich so ein scheinbar kleines Erlebnis, das sich für mich als ziemlich bedeutsam herausstellen sollte.
Es war ein regnerischer Tag, ich war ziemlich missmutig und wollte ins Kino gehen. Ich traf aber viel zu früh dort ein. Ich kaufte mir also eine Karte und ging bis zum Beginn des Films in die ziemlich modern eingerichtete Lounge.
Ich trank etwas, lauschte der Musik und las ein bisschen in einem Buch, als mir plötzlich die Kellnerin auffiel. Sie war charmant und bemüht, es allen recht zu machen, aber der Andrang kurz vor Beginn des Films war gewaltig. Trotzdem behielt sie stets den Überblick, auch wenn sie einige Male zu Unrecht von ungeduldigen Gästen unfreundlich behandelt wurde.
Als ich schließlich mein Getränk bezahlte – wahrlich kein großer Betrag –, rundete ich die Summe auf und gab ihr ein sehr, sehr hohes Trinkgeld. Sofort wiederholte die junge Frau die eigentliche Summe, die ich zu bezahlen hatte, da sie glaubte, ich hätte mich geirrt. Als ich ihr aber bedeutete, es sei durchaus in Ordnung so, sah sie mich erstaunt an. Dann bekam sie Tränen in die Augen. Für eine lange Sekunde betrachtete sich mich reglos, und wir beide spürten, wie tief gerührt sie war.
Für ein paar Sekunden waren wir beide aus unserem alltäglichen Leben gerissen. Für diesen einen kurzen Moment war zwischen uns eine fast magische Nähe entstanden. Zwei Seelen tauschten tiefes Verständnis füreinander aus.
In diesem Moment war ich glücklich. Ein unbeschreibliches Gefühl.
Mit einem stillen Lächeln steckte sie das Geld ein, wischte sich mit einem Finger über die Augen und nickte mir kurz dankend zu.
Wenn jemand anderes glücklich ist, spüren wir,
wie wir etwas von diesem Glück zurückbekommen.
Wer hatte nun wen beschenkt? Ihre Reaktion hatte ein unbeschreibliches Gefühl bei mir ausgelöst. Und dieses Glück hielt noch bis zum nächsten Tag an. Noch heute, immer wenn ich wieder daran denke, empfängt mich dieses wundervolle Gefühl.
Andere mit Glück zu beschenken
macht einen selbst glücklich.
Warum ist das so? Warum werden wir durch so etwas plötzlich selbst glücklich? Ganz einfach: Gefühle sind ansteckend. Vor allem aber Glücksgefühle.
Beim Verschenken kleiner Glücksmomente treten wir in Resonanz mit dem Glücksgefühl anderer. Es bringt auch etwas in uns zum Schwingen.
Glück ist ansteckend.
Wir alle kennen das. Wenn jemand wütend wird, werden wir ebenso rasch ungeduldig und aufbrausend. Wenn jemand ängstlich ist und sich unsicher fühlt, werden wir bald ein ähnliches Unbehagen spüren.
Wenn wir eine Wohnung betreten, in der ein glücklicher Mensch wohnt, spüren wir dies sofort. Diese Wohnung scheint etwas Behagliches zu haben, etwas, wo wir uns wohlfühlen. Sind wir an einem Ort des Friedens und der Stille, zum Beispiel in einem Kloster, beginnen wir zu flüstern, wir fühlen uns erhaben und voller Würde. Ganz ähnlich ist es in der Nähe eines Menschen, der in sich ruht. Wir fangen diese Energie auf und reagieren auf sie.
Als ich einmal seiner Heiligkeit dem Dalai Lama die Hand schütteln durfte, war ich noch Wochen danach in wundervoller Ruhe und Ausgeglichenheit.
Oder wenn jemand sein Lachen nicht unterdrücken kann und nicht aufhört zu giggeln, müssen wir ebenfalls lachen, ob wir wollen oder nicht. Wenn uns jemand mit Achtung und Anerkennung behandelt oder uns mit seiner Liebe und Fürsorge beschenkt, werden wir ganz ähnliche Gefühle für ihn empfinden.
Genauso verhält es sich auch mit dem Glück. Glück ist ein Gefühl. Und wie bei allen anderen Gefühle auch, hebt uns auch das Glück anderer in die Schwingung von Glück. Glück ist extrem ansteckend.
Gefühle aber sind flüchtig. Sie lassen sich nicht unbegrenzt halten. Deswegen benötigen sie ständig Impulse. Und zwar immer wieder neue.
Der Kellnerin aus dem Kino einmal pro Woche ein hohes Trinkgeld zu geben scheint also nicht sehr ratsam. Denn das daraus resultierende Gefühl ließe sich nicht ewig wiederholen.
Aber unser Leben bietet uns täglich Millionen solcher Möglichkeiten. Wenn wir immer wieder welche davon ergreifen, haben wir schon ein wundervolles Werkzeug gefunden, um uns immer wieder selbst in den Zustand von Glück zu versetzen.
Wenn wir andere Menschen glücklich machen,
beschenken wir uns selbst mit Glück.
Glück ist nämlich ein Wesensanteil, den wir bereits besitzen. Wir können uns nämlich nur deswegen vom Glück eines anderen Menschen anstecken lassen, also in Resonanz mit dem Glücksgefühl treten, weil wir diese Schwingung ebenfalls in uns haben. Durch das Glück eines anderen wird also auch unser eigenes Glückspotential wachgerufen.
Glück ist eben nicht der Urknall,
sondern eine Anhäufung vieler kleiner Glücksmomente.
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Probier es aus. Einen Tag lang. Vielleicht kommt dir ein ganzer Tag dafür etwas lang vor. Aber was ist schon ein Tag von dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr? Und das auch noch von vielen vielen Jahren in deinem Leben.
Wenn du meinen Vorschlag lächerlich oder gar peinlich findest, dann denk daran, dass dir dies nur dein Verstand einflüstert. Hör deshalb nur auf dein Gefühl.
Dein Bauch irrt sich nicht.
Und denk daran: Das Folgende tust du nicht für die anderen, sondern für dich. Für dich ganz allein.
Was du tun sollst ist Folgendes:
Für einen einzigen Tag in deinem Leben lässt du allen anderen den Vortritt. Du lässt sie beim Autofahren vor dir in die Schlange, lässt andere Autos, die von einer Seitenstraße kommen und einbiegen wollen, mit einem freundlichen Winken vor dir in den Verkehr fließen, gibst anderen Passanten auf der Rolltreppe den Vortritt, lässt andere zuerst in den Bus einsteigen, lässt sie vor dir in den Aufzug, öffnest anderen die Türen, winkst sie in den Parkplatz, lässt sie an der Kasse im Supermarkt mit einer netten Geste vor, hilfst jemandem, wenn es sich anbietet, beim Tragen seiner Einkaufstaschen und hast immer ein nettes Wort für alle Menschen, die du normalerweise einfach ignorierst. Das Zimmermädchen im Hotel, der Portier, der Kellner im Restaurant, die Kollegen im Büro, selbst die Politesse bekommt dein Lächeln geschenkt. Es gibt keine Ausnahmen.
Du gibst auch dem Bettler an der Straße mehr Geld, als du es normalerweise tun würdest. Du hilfst der alten Dame aus der Straßenbahn, erklärst Touristen den Weg, beschenkst andere mit Lob und Anerkennung, vor allem diejenigen, die du normalerweise nicht beachten würdest, hilfst mit beim Anschieben eines liegen gebliebenen Autos, spannst für jemanden den Regenschirm auf und bringst deinem Partner eine kleine Aufmerksamkeit mit. Du trägst für ihn die Tasche, hinterlässt eine kleine Liebesbotschaft am Kühlschrank und deckst ihn nachts liebevoll zu.
Vielleicht schreibst du eine Postkarte an den Menschen, dem du schon lange einmal wieder schreiben wolltest, oder rufst jemanden an, der sich über einen Anruf von dir freuen würde.
Warum dies alles für dich wichtig sein sollte? Weil nur ein einziger Tag dein ganzes Leben verändern kann. Alle Worte, alle Beschreibungen können dir nicht das Gefühl vermitteln, das du haben wirst, wenn du einen einzigen Tag deines Lebens auf diese Weise verbringst.
Am Abend, wenn du ins Bett gehst, wirst du spüren, wie reich du plötzlich geworden bist; wie beseelt, beliebt und geliebt. Vor allem aber wirst du entdecken, welche Sinnhaftigkeit dein Leben plötzlich bekommt.
Und du wirst feststellen, dass die ganze Welt dich nun ebenso freundlich und zuvorkommend behandelt.
Zwischen dem Wissen und dem Spüren liegt ein gewaltiger Unterschied.
Schenk dir diese Erfahrung, und du wirst sie nie wieder vergessen.
Und ja, es ist so einfach, in den Fluss des Lebens zu kommen. Wenn du einen solchen Tag erlebt hast, wirst du vielleicht einen zweiten und einen dritten erleben wollen.
Mach diesen einen Tag deines Lebens zu einem ganz besonderen Geschenk für dich. Beschenke andere mit deiner Anerkennung, deiner Geduld, deiner Zuversicht und deinem Zuvorkommen.
Und ja, lieber Verstand, manchmal ist das Wachrufen von Glücksgefühlen wirklich so einfach.
Die abgeschwächte Version
Von meinen Seminaren weiß ich, dass es einigen Menschen gar nicht so leicht fällt, sich auf solch einen Tag einzulassen. Hier hat sich folgende Variante als sehr erfolgreich herausgestellt:
Nimm dir an diesem einen Tag vor, nur fünf solcher Handlungen auszuführen.
Steigere dies an einem anderen Tag auf zehn solcher Dinge.
Wiederhole diese zehn Dinge an einem anderen Tag.
Steigere dies irgendwann auf zwanzig solcher Dinge.
Meist gibt einem dies so viel Mut, sich endlich auf einen ganzen Tag einzulassen.
Natürlich wird es uns nicht gelingen, jeden Tag auf diese Weise zu leben. Oft wird uns unsere Vergangenheit wieder einholen. Alte Muster werden sich wieder melden. Wir werden empört, wütend oder verletzt reagieren und diese Gefühle mit uns herumschleppen, auch wenn wir sie noch so gern loswerden würden. Manchmal kommen wir eben nicht so schnell aus unserer alten Haut heraus.
Wenn wir aber mehr Übung mit solchen Tagen und Gefühlen bekommen, wird es uns immer leichter gelingen. Wir können uns dann sogar ganz bewusst aus dem Gefühlstief herausziehen, indem wir diese Übungen machen.
Wenn du zum Beispiel merkst, dass es dir nicht besonders gut geht, dass du am liebsten die Wände hochgehen würdest oder du keinen Sinn in deinem Leben mehr erkennen kannst oder du einfach nur traurig bist, dann ist ein besonders guter Zeitpunkt dafür.
Glück ist ansteckend.
Glück ist ebenso ansteckend wie Lachen oder Trauer oder Wut. Wenn du andere zum Glücklichsein anstiftest, steckst du dich selbst auch an. Ist es nicht das, was wir wollen?
Glück ist… anderen zum Glück zu verhelfen. ausblenden
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